Um mit neuem Mut und frischer Kraft in dieses wunderbare neue Jahr 2021 starten zu können, macht es sicherlich Sinn, wenn wir kurz Revue passieren lassen, was zuletzt geschah.

Seit dem Frühjahr 2020 begleitet uns eine Pandemie, die uns dazu zwingt unser Leben umzukrempeln und bisher gewohntes aufzugeben oder neu zu denken. Das ganze hat natürlich auch einen Vorteil, denn im Chinesischen bedeutet das Schriftzeichen für Krise „ ji 机“ auch so viel wie „Gelegenheit“. Diese Art der Dualität ist in unserer Kultur und in unserer Sprache nicht sonderlich verbreitet, aber sie macht uns deutlich, dass es immer 2 Seiten einer Medaille gibt. Wie wir bereits in einer der letzten Andachten vom 11.10. gesehen haben, existiert in unserer Wahrnehmung nichts ohne sein Gegenteil. Das hängt einfach damit zusammen, wie unsere Sinne angelegt sind und wir unsere Sinneseindrücke nur in ihrem Kontrast wahrnehmen können, wie z.B. beim lesen dieser Buchstaben. Dieser Umstand ermöglicht es uns aber eine Entscheidung zu treffen, nämlich die, wie wir etwas sehen möchten.

Wenn wir bislang noch nicht hinterfragt haben, wie wir bisher in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen gehandelt haben, dann gibt uns spätestens jetzt diese Krise DIE Gelegenheit dazu, weil wir nun gezwungen sind, Abstand zu halten und Beziehungen die uns bisher wichtig waren, aus der Ferne zu gestalten. Allerdings lohnt es sich einmal genauer hinzusehen und zu prüfen, wann diese „Krise“ denn tatsächlich begonnen hat.

Eine Antwort finden wir darauf tatsächlich in der Bibel. In Gen 11,1–9 EU lesen wir die berühmte Geschichte vom Turmbau zu Babel. In diesem Sinnbild erfahren wir von einem Volk, das in einer „heiligen Sprache“ spricht und sich in einem Land ansiedelt, wo es einen Turm bauen will, dessen Spitze bis zum Himmel reicht. Als ihr Schöpfer das Werk der Menschen sieht, zerstört er deren Bauwerk und „verwirrt ihre Sprache“ so sehr, dass sie sich nicht mehr verständigen können. Das tut er, weil er sieht wie übermütig die Menschen geworden sind und vor nichts mehr zurückschrecken.

Etwas ganz Ähnliches passiert uns gerade. Wenn wir uns ansehen wie sich unsere Zivilisation entwickelt hat, stellen wir fest, dass wir uns ziemlich von dem entfremdet haben, was uns hervorgebracht hat. Die Rede ist von der Natur. Und nicht nur von der Natur, sondern auch voneinander. Seit dem 18.-19. Jh. erleben wir seit Isaac Newton ein sehr mechanistisches Weltbild. Fast alle unsere Lebensbereiche werden inzwischen technisiert und die Wissenschaft verspricht uns seither immer mehr Fortschritt und Wachstum. Unser Leben wird mittlerweile hauptsächlich von Algorithmen bestimmt, die unser Leben – so das Versprechen – deutlich leichter machen sollen. Doch was ist seither passiert? Geht es uns damit wirklich besser? Wissenschaftliche Daten dazu sagen uns etwas anderes. Trotz online Partnerbörsen, Onlineshopping und Dauerverfügbarkeit durch Smartphones und E-Mail, steigt seit Jahren die Scheidungsrate. Mittlerweile gibt es z.B. in Berlin mehr alleinerziehende Mütter mit Kind, als Paare mit Kindern. Unsere Innenstädte sterben aus und die Menschen verbergen sich lieber hinter ihren Monitoren, anstatt auf ihre Mitmenschen zuzugehen. Depressionen sind inzwischen selbst unter jungen Menschen zur Volkskrankheit geworden und Dauerstress bestimmt das Leben von vielen unter uns. Die Folge ist, dass einige sich in Drogen und andere Substanzen flüchten, um sich selbst wenigstens noch ein bisschen spüren zu können und die völlig verschütteten Gefühle zu stimulieren.

Wenn wir uns nun fragen woher all diese Herausforderungen kommen, können wir die Antwort in uns selbst finden. Verantwortlich für dieses Durcheinander ist der uns angeborene Egoismus. Dieser Egoismus wächst unaufhörlich und sein Produkt wird in unserer Gesellschaft als Fortschritt bezeichnet. Er führt dazu, dass wir wie beim Turmbau zu Babel immer höhere, schnellere und effizientere Methoden entwickeln, um unseren eigenen Profit zu mehren und nehmen dabei immer weniger Rücksicht auf die Folgen unseres Handelns.

Doch wo findet sich nun die Lösung auf unsere Fragen? Wo liegt die Chance in diesem Durcheinander?

In Matthäus 16,26 lesen wir: „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?“

Was wir gerade erleben, können wir also auch als Chance begreifen, uns unserer eigenen Natur bewusst zu werden und darüber nachzudenken, wie unsere Gesellschaft denn tatsächlich aussehen sollte. Wenn wir unsere Ziele überdenken und damit anfangen, eine bessere Umgebung für uns selbst und unsere Mitmenschen zu erbauen und uns überlegen, wie wir die Nächstenliebe unter uns etablieren können, dann werden wir sehr schnell merken, dass wir aufeinander angewiesen sind und kein Mensch überflüssig ist. Denn wenn wir uns unseren eigenen Körper vorstellen, sehen wir, wie dieser Organismus praktisch ohne unser Zutun funktioniert. Klar müssen wir für den Körper sorgen und essen, trinken und schlafen. Aber all diese Funktionen steuert der Körper über einen „unsichtbaren“ Mechanismus, der sein Überleben sichert. Jedes Organ und jede Zelle in unserem Körper ist auf die anderen Organe und Zellen angewiesen. Funktioniert dieser Organismus nicht mehr einwandfrei, werden wir krank. Solche Mechanismen finden wir überall in der Natur (siehe Input 24.5.). Das Geheimnis dieser Mechanismen ist das Gegenteil von Egoismus.

Wenn wir nun die Geschichte vom Turmbau zu Babel in diesem Lichte sehen, wird uns auch klar, warum der Schöpfer den Turm der Menschen zerstört hat. Er möchte Schaden von uns abwenden und uns dazu bringen, uns unter einem neuen Ziel wieder zu vereinen und unsere Mitmenschen als Teil von uns selbst zu betrachten. Wenn wir das tun, erfüllen wir die Bedingungen der Nächstenliebe und erfahren was seine Kraft ist.

Ich finde, dass das eine tolle Aufgabe für das neue Jahr 2021 ist und uns sicher die Kraft gibt, alle Herausforderungen des neuen Jahres einmal in einem neuen Licht zu sehen.

Für Euren SBK
_ Was bedeutet Nächstenliebe für mich?
_ Warum ist die Nächstenliebe das höchste und wichtigste Gebot?

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