Damals wie heute haben Menschen ihre Beziehung zu Gott in Form von Lob, Bitten und Danken in Liedern zum Ausdruck gebracht. Angefangen mit den Psalmen der Bibel, über die „historischen“ Kirchenlieder im Gesangbuch bis hin zum heutigen Lobpreis. Auch wenn der moderne Lobpreis quasi allgegenwärtig ist, kann es manchmal sehr wervoll sein, sich auch mal den Text älterer Lieder sprichwörtlich „auf der Zunge zergehen“ zu lassen. Denn häufig haben gerade die alten Lieder eine unglaublich präzise Botschaft, der man abspürt, dass lange über jedes Wort nachgedacht wurde.
Ein schönes Beispiel dafür ist „Bei dir Jesus will ich bleiben“, das 1833 von Karl Johann Philipp Spitta gedichtet wurde. Die – sehr eingängliche – Melodie ist allerdings wesentlich älter und wurde schon 1688 komponiert.

Bei dir, Jesu, will ich bleiben, stets in deinem Dienste stehn;
nichts soll mich von dir vertreiben, will auf deinen Wegen gehn.
Du bist meines Lebens Leben, meiner Seele Trieb und Kraft,
wie der Weinstock seinen Reben zuströmt Kraft und Lebenssaft.

Könnt ich’s irgend besser haben als bei dir, der allezeit
soviel tausend Gnadengaben für mich Armen hat bereit?
Könnt ich je getroster werden als bei dir, Herr Jesu Christ,
dem im Himmel und auf Erden alle Macht gegeben ist?

Wo ist solch ein Herr zu finden, der, was Jesus tat, mir tut:
mich erkauft von Tod und Sünden mit dem eignen teuren Blut?
Sollt ich dem nicht angehören, der sein Leben für mich gab,
sollt ich ihm nicht Treue schwören, Treue bis in Tod und Grab?

Ja, Herr Jesu, bei dir bleib ich so in Freude wie in Leid;
bei dir bleib ich, dir verschreib ich mich für Zeit und Ewigkeit.
Deines Winks bin ich gewärtig, auch des Rufs aus dieser Welt;
denn der ist zum Sterben fertig, der sich lebend zu dir hält.

[…]

Abgesehen von den faszinierenden Konstruktionen wie z.B. „[…] der, was Jesus tat, mir tut“ oder dem Binnenreim in „bei dir bleib ich, dir verschreib ich mich für Zeit und Ewigkeit.“ hat das Lied – formuliert als Gebet an Gott – insbesondere in der vierten Strophe unglaublich tiefe Aussagen: So brachial es klingt, sich Gott in aller Zeit und Ewigkeit zu verschreiben und zum Sterben bereit zu sein, ist es auch für uns eine spannende Herausforderung: Bemerken wir Gottes „Wink“? Suchen wir danach, den Ruf auch aus dieser Welt wahrzunehmen? Und leben wir eigentlich so mit Gott, dass wir jederzeit sterben könnten, ohne vorher noch Dinge zwischen ihm und uns ausräumen und klären zu müssen?

_Idee für die Woche:
Denk‘ einmal darüber nach, ob du wirklich aus tiefstem Herzen singen könntest, Gottes Wink und den Ruf der Welt wirklich wahrzunehmen oder wahrnehmen zu wollen? Was müsste passieren, damit du diese Strophe noch inbrünstiger singen könntest? Lies‘ dir auch mal andere alte Kirchenlieder durch – vieles erscheint beim genauen Hinschauen vielleicht gar nicht mehr so angestaubt, sondern ganz im Gegenteil höchst aktuell!