Jesus lehrte seine Jünger und sprach: Wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.

Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ‘ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten. Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen.

Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. Darum sollt ihr so beten:

Unser Vater im Himmel!
Dein Name werde geheiligt.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.

Matthäus 6,5-15

Der Predigttext für diese Woche dürfte vielen von euch sehr vertraut vorkommen! Jesus erklärt seinen Jüngern, wie sie beten sollen und gibt ihnen als Beispiel das bekannteste Gebet überhaupt mit: Das Vaterunser.

Wenn man sich die Erläuterungen von Jesus genauer anschaut, erscheint der erste Teil relativ logisch: Betet euer Gebet für Gott, nicht für eure Mitmenschen. Wie ehrlich ist es auch, wenn man nur darauf achtet, was für einen Eindruck man mit seinem tollen Gebet bei anderen hinterlässt?! Geh lieber an einen Ort, an dem du dich konzentrieren kannst, ein stiller Raum – dein Zimmer zuhause oder in deiner WG und mach die Tür zu, sodass du nicht gestört wirst und dich wirklich auf die Unterhaltung mit Gott konzentrieren kannst. Denn für Gott ist es sowieso egal, ob du dich zum Beten unter freiem Himmel, in einem Tempel – oder eben bei dir zuhause befindest!

Was dann aber nicht so recht zu dieser freien Form des Betens passen möchte, ist das nachgefügte Beispielgebet… Warum darf ich mit Gott nicht einfach so beten, wie ich mit einem Vater rede? Frei von der Leber über das, was mich eben gerade beschäftigt? Spannend dabei ist, dass Jesus hier Gott doch sogar sehr untypisch für die damalige Zeit als „Abba“ – „Vater“ anredet! In der aramäischen Alltagssprache wurde „Abba“ von Kindern benutzt, um ihren Vater anzureden. Für Gott in damaligen Verhältnissen so gar nicht passend.

Warum also dieses starre Gebet? Um dem nachzuspüren, müssen wir einen Blick in die damalige Gebetspraxis werfen: Im alten Testament gibt es das Wort „beten“ als solches gar nicht, wird aber durch viele andere Begriffe ersetzt: „mit Gott reden“, „Gott suchen“, „Gott fragen“, „rufen“, „danken“, „schreien“, „loben“ und viele mehr. Gebet war in der damaligen Kultur etwas, das öffentlich passierte – in Gruppen oder durch Priester ¹. Häufig waren sie in gewisse Rituale eingebettet, etwa dem Schlachten eines Opfertiers oder dem Bestreuen des Hauptes mit Asche. Häufig wurden sie auch durch Musik begleitet und waren oft als Lieder aufgebaut, wie man an den Psalmen eindrucksvoll sehen kann.

Direkt und selber mit Gott zu kommunizieren, muss für viele (offenbar auch für die Jünger) also ziemlich neu gewesen sein! Wenn etwas neu ist, hilft ein Gerüst, an dem man sich festhalten kann. Und vielleicht kann man das Vaterunser an dieser Stelle auch als eine Art Gerüst für die ersten Gehversuche im eigenen Gebet verstehen. Und auch für uns kann es heute noch ein Gerüst sein: Je nachdem, wie es uns gerade geht, kreisen unsere Gedanken doch sehr häufig etwas zu sehr um unser aktuelles Gefühl: Dankbarkeit, Wut, Flehen, Unsicherheit, … – Und so, wie es im alten Testament statt des Wortes „Gebet“ viele unterschiedliche Begriffe für verschiedenste Emotionen gab, so integriert das Vaterunser viele davon in ein Gebet: Ansprache, Preisung, Bitten, Danken, Bekräftigung, …

Vielleicht hilft dir in der nächsten Situation, wo deine Gedanken nur um diese eine Bitte kreisen, ja das Vaterunser als „erinnerndes Gerüst“, um bewusst deinen Blick zu weiten für die Herrlichkeit Gottes und die Dankbarkeit, die neben dem Bitten und Flehen auch ihren Raum haben dürfen!

¹ Jaaaaa, du hast natürlich recht, es gibt Ausnahmen, wie z.B. Hanna im 1. Samuel 1,13 – sie betet für sich, das scheint aber so ungewöhnlich gewesen zu sein, dass Eli erst glaubt, sie sei betrunken!