Endlich große Pause. Ich habe auch schon voll Hunger auf Hähnchenschnitzel. Das stand heute auf dem Essensplan…Ich eile mit Anna in die Cafeteria. Boah nee!! Was ist denn hier bloß los!! Eine mega mega lange Schlange! Da drauf hab ich jetzt aber wirklich null Bock!! Ich rege mich mit ein paar Leuten vor und hinter mir aus der Schlange laut auf und merke, wie es nach und nach unruhiger wird. Etwas weiter vorne angekommen, sehe ich, dass heute nur eine Frau, hinter der Theke steht und das Essen austeilen muss. Scheinbar ist ihre Kollegin nicht da. Meinen Klassenkameraden scheint es gar nicht aufzufallen, dass sie alleine ist. Sie fangen an, auf die Frau einzupöbeln und machen sie verbal fertig, indem sie behaupten, dass sie wohl den falschen Job gewählt hat, wenn „sie so lahm löffelt“. Außerdem fiel mir auf, wie sie noch Schwierigkeiten hat, die Kasse zu bedienen… Könnte es etwa sein, dass sie noch ganz neu hier ist? Es macht den Eindruck, als wäre sie sehr aufgeregt und überfordert mit allem… Klirr… und jetzt fällt ihr auch noch der Teller mit der heißen Soße runter, genau über ihre Hand! Die Jungs aus meiner Klasse lachen und regen sich dann noch mehr auf! Ich sehe, wie ihr eine kleine Träne über ihr Gesicht läuft. Und ich? Ich sage einfach nichts… Ich stehe schweigend da.

Ich fühle mich innerlich berührt über die Situation der Küchenfrau, gehe aber schnell weiter, auf Drängen meiner Klassenkameraden, um noch einen Tisch zu ergattern.
Ich beteilige mich bei diesem Mittag nicht an dem Gespräch und bin aufgewühlt im Innern…

Wie gehts wohl dieser Frau jetzt? Wie unaufmerksam ich durch den Alltag gehe… Ich könnte noch nicht einmal sicher behaupten, dass mir die neue Frau heute überhaupt aufgefallen wäre, wenn alles glatt gelaufen wäre. Wird sie morgen überhaupt wiederkommen? Wie hätte ich mich wohl gefühlt? Wie hätte Jesus in der Warteschlange gehandelt?

Während der letzten beiden Physikstunden fallen mir die Verse vom letzten SBK ein: „Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommen wird und mit ihm alle Engel, dann wird er in königlichem Glanz auf seinem Thron Platz nehmen. Alle Völker werden vor ihm versammelt werden, und er wird die Menschen in zwei Gruppen teilen, so wie der Hirte die Schafe und die Ziegen voneinander trennt. Die Schafe wird er rechts von sich aufstellen und die Ziegen links.
Dann wird der König zu denen auf der rechten Seite sagen:
›Kommt her, ihr seid von meinem Vater gesegnet! Nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für euch vorbereitet ist.
Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war ein Fremder, und ihr habt mich aufgenommen; ich hatte nichts anzuziehen, und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank, und ihr habt euch um mich gekümmert; ich war im Gefängnis, und ihr habt mich besucht.
‹Dann werden ihn die Gerechten fragen:
›Herr, wann haben wir dich denn hungrig gesehen und dir zu essen gegeben, oder durstig und dir zu trinken gegeben? Wann haben wir dich als Fremden bei uns gesehen und haben dich aufgenommen? Oder wann haben wir dich gesehen, als du nichts anzuziehen hattest, und haben dir Kleidung gegeben? Wann haben wir dich krank gesehen oder im Gefängnis und haben dich besucht?
‹Darauf wird der König ihnen antworten:
›Ich sage euch: Was immer ihr für einen meiner Brüder getan habt – und wäre er noch so gering geachtet gewesen – das habt ihr für mich getan.‹“ Matthäus 25, 32-40

In dieser Bibelstelle ist von Hilfsbedürftigen und v.a. einsamen Leuten die Rede. Menschen, die keine gute Stellung in der Gesellschaft haben und oft „hinten runterfallen“, sind bei Jesus mehr im Mittelpunkt als alle andern. Er vergleicht ihr Dasein mit seiner eigenen „Herrlichkeit“. So wie wir einem König/Kaiser dienen und ihm Ehre geben würden, sollen wir Kranke, Arme, Einsame Menschen ehren, als würde es Jesus selbst sein. Das ist in unserer Welt eigentlich überhaupt nicht „in“. Wer sehr klug, erfolgreich oder einfach „ein Überflieger“ ist, bekommt die meiste Aufmerksamkeit. Bei Jesus ist es genau umgekehrt…
Nach der Schule spreche ich mit meiner Freundin über die Erlebnisse aus der großen Pause und wie blöd und feige ich mich in dieser Situation gefühlt und verhalten habe. Sie kann mich gut verstehen und wir beten zusammen und bitten um Vergebung und die Kraft dazu, das nächste Mal anders zu handeln.
Wir überlegen uns, wie wir der Küchenfrau morgen eine kleine Überraschung machen können, damit sie sich willkommen fühlt und merkt, dass wir sie wertschätzen und sehen.
Wir haben uns vorgenommen mit Gottes Hilfe aufmerksamer durch den Tag zu gehen und den Menschen eine Freude zu machen, die oft gar nicht auffallen und es auch nicht erwarten würden, dass sie gesehen werden. Wenn ich erstmal anfange den Blick für diese einzelnen Menschen zu entwickeln, merke ich, wie viele Menschen ich in meiner nächsten Umgebung habe, die Ermutigung/ meine Zuwendung gebrauchen könnten.

Hört doch, wenn Zeit ist, vielleicht noch das Lied von Sefora Nelson zusammen an:
„Schenk mir deine Augen, Herr!“

Redezeit:
_Wurdest du schonmal „nicht gesehen“/ ignoriert / vergessen? Wie hat sich das angefühlt?
_Wann saßt du das letzte Mal so richtig in der „Patsche“ und warst auf Hilfe von anderen angewiesen?
_Hast du in deiner Klasse jemanden, der vielleicht eine positive Überraschung von dir gebrauchen könnte?
_Habt ihr als SBK eine gemeinsame Person vor Augen, der ihr eine Freude machen könntet (besuchen, Brief schreiben, Süßigkeit mit Kärtchen ins Fach legen, einkaufen gehen, …)?

Eine gute Zeit dabei wünscht euch euer AK Nordost