Wie Benedikt bereits in seinem letzten Impuls erklärt hat, geht es bei der „Frucht des Geistes“ um einen Reifeprozess. Nicht nur, dass uns unreife Früchte höchstens Bauchschmerzen und wenig Freude bereiten, liegt es im Wesen der Reifung, dass hier eine Unterscheidung stattfindet. Nämlich die, zwischen einem unreifen, ungenießbaren Zustand der den Geschmack von Säure hat und einem Zustand voller Genuss und Süße der uns Freude bereitet.

Innerhalb von diesem Dualismus entscheiden wir, wann es sich für uns lohnt, auf eine Leiter zu steigen und die Früchte zu ernten. Auf diese Weise gestaltet sich auch unsere Beziehung zu Gott. Um diese Beziehung zu erklären, können wir uns vorstellen zu einem Abendessen eingeladen worden zu sein.

Nun haben wir den ganzen Tag schon nichts gegessen und kommen am Abend endlich zu einem herrlichen Festmahl mit einer reich gedeckten Tafel. Wir sind tatsächlich überwältigt von der Vielzahl der Köstlichkeiten und doch kommt hier nun ein kleines aber entscheidendes Detail ins Spiel. Würden wir denn tatsächlich sofort mit dem Essen anfangen?

Erschlagen von den ganzen Mühen die unser Gastgeber auf sich genommen hat um uns erfreuen, steigt in uns ein merkwürdiges Gefühl auf, das uns davon abhält uns auf den reich gedeckten Tisch zu stürzen. Dieses Gefühl entsteht aus der Tatsache, dass wir mit so einem Mahl gar nicht gerechnet haben und sich in uns nun ein ungutes Gefühl von Scham ausbreitet, weil wir plötzlich in der Rolle des Empfängers sind, der nichts bei sich trägt, was er dem Gastgeber zurückgeben könnte.

Nun kommt es auf die Überredungskünste des Gastgebers an, der uns davon zu überzeugen versucht, wie herrlich all diese Köstlichkeiten schmecken werden. Aus dem Leuchten in seinen Augen können wir plötzlich ablesen, welchen Genuss wir ihm bereiten würden, wenn wir von seinen Speisen wenigstens kosten würden.

Der Gastgeber hat in uns also ein zweites Verlangen erweckt. Jetzt haben wir nicht nur unser natürliches Verlangen nach Nahrungsaufnahme, sondern auch noch das Verlangen unseren Gastgeber zu erfreuen und damit gleichzeitig die Möglichkeiten ihm etwas zurück zu geben, indem wir unseren Hunger stillen. Jetzt können wir also beherzt zugreifen, indem wir dem Gastgeber dabei zusehen, wie er vor Freude und Wohlwollen über unseren Genuss an seinen Speisen fast platzt. 😊

Auf diese Weise wurde also ein für uns unangenehmes Gefühl von Scham zur Grundlage des Genusses am Essen unseres Gastgebers und beide empfinden nun ein Gefühl von Freude.

Warum heißt es also „Frucht des Geistes“? Weil wir auf der Grundlage eines für uns zunächst schlechten Gefühls von Scham, im Geiste, also unabhängig von unserem körperlichen Hungergefühl, die Unterscheidung zwischen den beiden Verlangen des Gebens (Mahl des Gastgebers) und des Empfangens (unser Hunger) durch unsere Absicht aufgehoben haben, dem Gastgeber Freude zu bereiten. In diesem Fall hat also unsere Absicht die Kraft, eine Handlung in ihr Gegenteil zu verwandeln.

Auf diese Weise ist es uns nun gelungen die Absicht des Gastgebers uns Freunde zu schenken Stück für Stück zu kopieren, womit wir uns ihm in unserer Absicht ähnlich gemacht haben. Je ähnlicher unsere Absicht zu geben wird, desto größer ist die darüber empfundene Freude. 😊

Für Euren SBK:

_Welche Rolle spielt unsere Absicht in unserer Beziehung zu Gott?

_Welche Bedeutung schenken wir den Gefühlen, die sich manchmal auf den ersten Blick nicht so toll anfühlen?