Wenn ich, mit den Gedanken vielleicht noch woanders, in das Vaterunser starte, bleibe ich bei dieser Zeile meistens hängen.

„Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.“

Vielleicht liegt das daran, dass es die erste Zeile ist, die etwas konkret von mir abverlangt? Wenn ich diese Zeile bete und ernst meine, hat das Konsequenzen, und zwar gewaltige. Es lohnt sich, darüber mal genauer nachzudenken.

DEIN Wille geschehe, gemeint ist Gottes Wille. Das heißt gleichzeitig: Mein eigener Wille könnte überstimmt werden. Er zählt nicht so viel wie der Wille Gottes. Meine Hoffnung auf gute Noten? Faire, nette Lehrer im neuen Schuljahr? Endlich diesen guten Freund zu finden, mit dem man einfach alles teilen kann? Und auch Träume für die Zukunft: Mein Wunsch nach einem gut bezahlten Job, der mir Spaß macht… eine Familie zu gründen…Das alles will ICH. Aber will es auch Gott? Was, wenn er es nicht will?

Natürlich lässt Gott sowieso das geschehen, was er will. Ich glaube deshalb, dass diese Zeile im Vaterunser eher für MICH wichtig ist. ICH bin es nämlich, der loslassen soll. Von meinen Träumen und Wünschen. Das heißt nicht zwingend, dass Gott sie nicht erfüllen wird. Aber ich sage deutlich, dass mir wichtiger ist, was Gott mit mir vorhat. Er weiß doch viel besser, was ich brauche, und was andere von mir brauchen. Was sein Plan ist für mich in dieser Welt. Nichts sollte mir wichtiger sein, als das Gott mich so einsetzen kann, wie er sich das wünscht. Wenn ich diese Zeile also aufrichtig bete, habe ich die richtige Einstellung gegenüber Gott.

Aber puh, ist das schwierig.

Und was ist mit diesem Nachsatz? „Wie im Himmel, so auf Erden“? Einmal wird damit gemeint sein, dass Gottes Wille auch im Himmel geschehen soll. Er ist der Herr und Sieger über alle bösen Mächte. Er alleine soll in seinem Reich bestimmen, was geschieht, denn es wird gut sein. Mit der Auferstehung von Jesus hat aber Gottes Reich auch schon hier auf der Erde begonnen. Und wie genial wäre es, wenn das Leben hier so aussehen würde, wie wir uns den Himmel vorstellen? Also ohne, dass das Schlechte in uns und der Welt ständig dazwischenfunkt? Das ist der zweite Aspekt von dem Nachsatz. Dein Wille, Gott, soll geschehen, und zwar so, wie du ihn im Himmel schon Wirklichkeit werden lässt – ganz passend also zu der Bitte „Dein Reich komme“.

In dieser Zeile steckt eine riesige Sprengkraft, und auch riesiges Potenzial. Einerseits kann es mir Angst machen, bewusst die Kontrolle über mein Leben Gott abzugeben. Andererseits – es kann mich auch ganz schön beruhigen. Vor einer Prüfung, für die ich nach all meinem Können gelernt habe, ganz bewusst zu beten: „Dein Wille geschehe“ – und mir wird deutlich, dass es auf mich, und also auch meine Fehler, gar nicht so sehr ankommt. Wenn Gott will, dass ich eine gute Note bekomme, wenn es wichtig ist – dann wird er es geschehen lassen. Natürlich darf ich mich nicht zurücklehnen und muss so gut ich kann mitwirken. Aber alles darüber hinaus wird Gott geschehen lassen, wie es am besten in seinen Plan passt. Oder wenn ein schwieriges Gespräch mit einer Freundin ansteht, mir eigentlich die Worte fehlen und ich Angst habe, sie zu verletzen oder missverstanden zu werden: „Dein Wille geschehe“. Meine Sorge, während alle um mich herum in einer Beziehung sind, ganz alleine zu bleiben: „Dein Wille geschehe“. Meine Oma, die schlimm krank geworden ist: „Dein Wille geschehe“.

Gott hat alles in der Hand. Wie gut es tut, das zu wissen. Ich weiß, er liebt mich wie sein Kind. Deshalb darf ich ihm voll Vertrauen diese Zusage geben:

„Dein Wille geschehe!“

+ Wie passt das Bild oben zu dieser Zeile?

+ Denk nach, und sei ehrlich: Was hält dich davon ab, „Dein Wille geschehe“ ernsthaft zu beten? Von welchen Träumen willst du nicht loslassen? Warum nicht?

+ Wo hast du schonmal in deinem Leben gemerkt, dass Gott seinen Willen durchgesetzt hat – egal was du selbst wolltest? Wie ging es dir damit, und wir geht es dir heute damit?

+ Trau dich es zu beten, und schau was passiert!